Hallo Ereschkigal, hallo zusammen,
ich wollte mir ja schon längst zu Deinen interessanten Fragen Gedanken gemacht haben und jetzt komme ich endlich ein bisschen dazu. Nicht dass ich da die ultimativen Antworten hätte, aber zumindest habe ich mir schon die gleichen Fragen mehrfach gestellt und kann vielleicht ein bisschen was beisteuern.
Ich stütze mich da auch ein bisschen auf Prof. Spitzer und denke die Disposition zur Depression ist letztlich ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen und entwicklungsphysiologischen Faktoren. Es gibt genetische Dispositionen, die eine Depression begünstigen und es gibt auch äußere Einflüsse, die das tun. Je nachdem wie, wann und unter welchen Umständen diese dann wiederrum zusammentreffen, kommt es zu einem Ausgleich oder zu einer Verstärkung einer bestimmten Konstitution.
Das steht und fällt in meinen Augen auch mit der sog. Hirnplastizität und spart meiner Ansicht nach auch den chemischen Hirnstoffwechsel und die nachgeschaltete Hormonkaskade nicht aus.
Wenn ich bestimmte Nerven ständig reize, dann kommt es zu einer sog.
Langzeitpotenzierung (LTP) im Zuge derer es zu einer Verstärkung der synaptischen Übertragung kommt. Wenn ich also bestimme Bewegungs-, Verhaltens oder Emotionsmuster intensive "einübe", dann bin ich darin entsprechend schneller triggerbar (spielt u.a. in der Schmerztherapie eine Rolle), was wiederrum einen verstärkenden Rückkopplungseffekt auf die LTP hat. Der Spitzer erklärt das mit dem "Spuren-im-Schnee-Modell". Wenn ich morgens auf eine noch unberührte Schneedecke gucke und dann wiederrum nachmittags, wenn schon mehrere Leute drüber gelatscht sind, dann sehe ich ziemlich genau, wo sich die bevorzugten Trampelpfade herausgebildet haben, die dann im Folgenden auch vorzugsweise von den späteren Spaziergängern benutzt werden, weil sie leichter begehbar sind.
Gerade die kognitive Verhaltenstherapie, aber auch die Schematherapie zielt ja auf ein Einüben neuer Verhaltensmuster ab, was durchaus nicht immer nur symptomatisches Rumkurieren à la "Weg isses nich, aber ich kann jetzt damit umgehen." ist sondern tatsächliches Training von neuen hirnphysiologischen Mustern. Das lässt sich ja sogar im MRT sichtbar machen.
Eine Sache wollte ich noch berichten, weil ich sie hochinteressant finde: Ich hoffe ich krieg's noch zusammen… Es gibt eine hochinteressante Arbeit einer amerikanischen Neurologin (Helen S. Mayberg, M.D.), die ein interessantes Verfahren der Elektrostimulation des
Brodman Areals 25 (BA25) im Gehirn entwickelt hat. Dieses Areal ist maßgeblich am Serotoninstoffwechsel beteiligt und mitunter dafür verantwortlich, die emotionale Information zwischen limbischem System und frontaler Cortex zu kanalisieren und zu filtern. Das bedeutet, nicht alles was Du fühlst gelangt auch in Dein Bewusstsein, weil das BA25 für eine entsprechende Regulation sorgt. Bei einigen Depressiven, ist lt. der Forscherin diese "Pforte" sperrangelweit offen, das bedeutet das limbischen System ballert die frontale Cortex mit Emotionen wie Angst, Panik, Niedergeschlagenheit regelrecht zu. Durch Elektrostimulation in eben diesem Areal konnten einige (leider nicht alle) schwere Fälle Depression erfolgreich geheilt werden. Sie konnten geradezu "abgeschaltet" werden und das absolut nebenwirkungsfrei. Der Unterschied zur kognitiven Verhaltenstherapie war, dass die Aktivität bei einer depressiven Episode bei der VT in der frontalen Cortex, also folglich im Bewusstsein stattfand und bei der Elektrotherapiemethode im Brodman Areal, also gewissermaßen VORbewusst. Mich beschäftigt seitdem die frage, ob man auf das BA25 auch selbstständig mental Zugriff hat...
Liebe Grüße,
Sati